Was die PKS sichtbar macht — und was der Dunkelfeld-Hinweis nicht erklärt
„Das Unsichtbare erklärt das Sichtbare nicht weg."
Die taz weist zu Recht darauf hin, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik nur das Hellfeld zeigt. Sie zeigt nicht automatisch, was nicht angezeigt, nicht erkannt oder nicht kontrolliert wurde. Dieser Hinweis ist wichtig. Aber daraus folgt nicht, dass sichtbare Befunde weniger relevant sind.
Unvollständig heißt nicht unwichtig.
Anlass: Polizeiliche Kriminalstatistik: Was die Zahlen verschweigen- Diese Analyse bewertet Zahlen, nicht Menschen.
- Es geht nicht um Pauschalisierung oder Stigmatisierung einer Herkunftsgruppe.
- Tatverdächtige sind keine Verurteilten.
- Die PKS bildet das Hellfeld ab: polizeilich bekannt gewordene und registrierte Fälle bzw. Tatverdächtige.
- Unterschiedliche Deliktgruppen sind nicht automatisch vergleichbar.
- „Straftaten insgesamt" kann bei Nichtdeutschen durch ausländerrechtliche Verstöße stark beeinflusst werden.
- Deutsche Tatverdächtige dienen in den Diagrammen als Vergleichs- und Referenzgruppe, nicht als moralischer Maßstab.
Gemeint ist die in der PKS geführte Staatsangehörigkeit der Tatverdächtigen. Es geht nicht um Ethnie, Herkunft, Religion oder Wohnort.
Was der taz-Beitrag sagt
Der taz-Beitrag setzt einen klaren Deutungsrahmen. Er sagt nicht einfach, dass die PKS falsch sei. Er argumentiert, dass die PKS nur einen Ausschnitt sichtbar macht und dadurch bestimmte Formen von Kriminalität und bestimmte soziale Mechanismen aus dem Blick geraten.
Die taz betont, dass die PKS nur das Hellfeld zeigt: also Fälle, die polizeilich bekannt, bearbeitet und registriert wurden.
Der Artikel beschreibt die PKS sinngemäß als eine Art Arbeitsnachweis der Polizei: Sie zeigt, was die Polizei bearbeitet hat — nicht automatisch die gesamte Realität der Kriminalität.
Die taz verweist darauf, dass bestimmte Wirtschafts- und Steuerdelikte nicht oder nur begrenzt in der PKS sichtbar werden. Als Beispiel nennt der Artikel Cum-Ex, weil solche Fälle nicht klassisch über eine Anzeige bei der Polizei in die PKS gelangten.
Die taz argumentiert, dass steigende Hellfeld-Zahlen bei sexualisierter Gewalt nicht automatisch mehr tatsächliche Taten bedeuten müssen. Sie könnten auch anzeigen, dass mehr Betroffene Anzeige erstatten.
Der Artikel sagt, sinkende registrierte Fallzahlen beim Ladendiebstahl müssten nicht zwingend heißen, dass tatsächlich weniger gestohlen wird. Sie könnten auch mit Kontrolle, Entdeckung und Anzeigeverhalten zusammenhängen.
Die taz argumentiert, dass Menschen, die als nicht deutsch gelesen werden, im Zusammenhang mit Gewaltdelikten häufiger angezeigt und stärker kontrolliert würden. Dadurch könne das Hellfeld verzerrt sein.
Die taz verschiebt den Fokus von klassischer Straßen- und Gewaltkriminalität hin zu Kriminalität, die durch Unternehmen, Finanzdelikte oder mächtigere Akteure begangen wird.
Diese Hinweise sind nicht grundsätzlich falsch. Die PKS hat reale Grenzen. Dunkelfeld, Anzeigeverhalten, Kontrollintensität und nicht erfasste Delikte müssen mitgedacht werden. Aber daraus folgt nicht, dass sichtbare Hellfeld-Befunde weniger relevant sind. Der taz-Beitrag fordert Kontext, liefert aber selbst nur begrenzt eine deliktgenaue Auswertung der vorhandenen Zahlen.
„Der Hinweis auf das Unsichtbare darf nicht dazu dienen, das Sichtbare zu überspringen."
Gesamtzahlen können verdecken, was sich darunter verändert
Bei Gruppen nach Staatsangehörigkeit können die Werte für „Straftaten insgesamt" stark durch Verstöße gegen Aufenthalts-, Asyl- und Freizügigkeitsrecht beeinflusst werden. Wenn diese Deliktgruppe stark sinkt, kann der Gesamtwert sinken, obwohl andere Deliktgruppen gleichzeitig steigen.
Nicht nur fragen: Geht die Gesamtzahl zurück? Sondern: Was genau geht zurück?
Beispiel Syrien: Der Gesamtwert sinkt — aber nicht jede Deliktgruppe sinkt
Der Rückgang liegt vor allem im Aufenthaltsrecht
Der Rückgang bei Aufenthalts-/Asyl-/Freizügigkeitsdelikten ist größer als der gesamte Rückgang bei „Straftaten insgesamt". Der rechnerische Proxy ohne diese Deliktgruppe steigt im selben Zeitraum. Genau deshalb reicht der Gesamtwert allein nicht aus.
Syrien: Gesamtwert sinkt — Proxy ohne Aufenthaltsrecht steigt
Zwei Linien: „Straftaten insgesamt" (offizieller Gesamtwert) und der rechnerische „Analyse-Proxy ohne Aufenthaltsrecht". Während der Gesamtwert 2025 fällt, steigt der Proxy.
Der Analyse-Proxy ist eine rechnerische Hilfsgröße: Straftaten insgesamt minus Aufenthalts-/Asyl-/Freizügigkeitsgesetz/EU. Er ersetzt keine offizielle PKS-Kennzahl, macht aber sichtbar, wie stark die Gesamtentwicklung durch ausländerrechtliche Verstöße beeinflusst wird.
Tatverdächtige, keine Verurteilten. Hellfeld der PKS. Deliktgruppen nicht überschneidungsfrei addierbar.
Syrische Tatverdächtige — Straftaten insgesamt (2023–2025)
Tatverdächtige mit syrischer Staatsangehörigkeit, alle Delikte zusammen. Für die genauen Werte über die Punkte fahren oder tippen.
Tatverdächtige, keine Verurteilten. Hellfeld der PKS. Deliktgruppen nicht überschneidungsfrei addierbar.
Syrische Tatverdächtige — Verstöße gegen Aufenthalts-/Asyl-/Freizügigkeitsrecht
Diese Deliktgruppe kann es nur bei Nichtdeutschen geben. Ihr starker Rückgang zieht den Gesamtwert nach unten.
Tatverdächtige, keine Verurteilten. Hellfeld der PKS. Deliktgruppen nicht überschneidungsfrei addierbar.
Woraus besteht der Gesamtwert?
Der Gesamtwert (grau + amber) aufgeteilt in ausländerrechtliche Verstöße (grau) und alle übrigen Straftaten (amber). Sichtbar wird, wie stark der ausländerrechtliche Anteil den Trend prägt.
Tatverdächtige, keine Verurteilten. Hellfeld der PKS. Deliktgruppen nicht überschneidungsfrei addierbar.
Syrische Tatverdächtige — einzelne Deliktgruppen (2023–2025)
Während der Gesamtwert 2025 fällt, entwickeln sich einzelne Deliktgruppen anders. Menschenhandel wird mit sehr kleinen Fallzahlen ausgewiesen (grau gestrichelt) — Prozentwerte wären hier irreführend.
Sehr kleine absolute Fallzahlen. Prozentveränderungen sind hier nur eingeschränkt aussagekräftig.
Tatverdächtige, keine Verurteilten. Hellfeld der PKS. Deliktgruppen nicht überschneidungsfrei addierbar.
Veränderung 2023 → 2025 je Deliktgruppe
Absolute Veränderung der Tatverdächtigen je Deliktgruppe. Grün = Rückgang, Rot = Anstieg — die Farbe beschreibt nur die Richtung, sie wertet nicht.
Wichtig: Tatverdächtige werden je Delikt gezählt. Die Deliktgruppen überschneiden sich und ergeben zusammen nicht die Gesamtsumme — dieses Diagramm zeigt die Veränderung je Gruppe, nicht deren Beitrag zu einer Gesamtbilanz.
Tatverdächtige, keine Verurteilten. Hellfeld der PKS. Deliktgruppen nicht überschneidungsfrei addierbar.
Der Gesamtwert kann deutlich sinken. Entscheidend ist aber, wodurch dieser Rückgang entsteht. Wenn der stärkste Rückgang in ausländerrechtlichen Verstößen liegt, sagt der Gesamtwert nur begrenzt etwas über andere Kriminalitätsbereiche aus. Gleichzeitig können einzelne Deliktgruppen wie Gewaltkriminalität, Wirtschaftskriminalität oder Menschenhandel steigen oder erhöht bleiben.
Indexierte Entwicklung: Syrien und Deutschland
Wirtschaftskriminalität — Index (2023 = 100)
Beide Reihen starten bei 100. So wird die Entwicklung unabhängig vom sehr unterschiedlichen Ausgangsniveau vergleichbar.
Tatverdächtige, keine Verurteilten. Hellfeld der PKS. Deliktgruppen nicht überschneidungsfrei addierbar. Index 2023 = 100 zeigt Entwicklung, nicht absolute Größe.
Gewaltkriminalität — Index (2023 = 100)
Gleiche Logik: Die Linie über 100 zeigt einen Anstieg gegenüber 2023, unter 100 einen Rückgang.
Tatverdächtige, keine Verurteilten. Hellfeld der PKS. Deliktgruppen nicht überschneidungsfrei addierbar. Index 2023 = 100 zeigt Entwicklung, nicht absolute Größe.
Der Vergleich mit deutschen Tatverdächtigen dient als Referenz, um Dynamiken einzuordnen. Es geht nicht darum, Gruppen pauschal gegeneinanderzustellen, sondern darum, Entwicklungen sichtbar zu machen. Weil die absoluten Zahlen zwischen den Gruppen sehr unterschiedlich groß sind, zeigt der Index (Basisjahr 2023 = 100) die Entwicklung unabhängig vom Ausgangsniveau.
Ukraine: starke Dynamik bei Wirtschaftskriminalität — aber kleine absolute Fallzahlen
Wirtschaftskriminalität — absolute Tatverdächtige
Zwei getrennte Achsen, weil die absoluten Zahlen sehr unterschiedlich groß sind. Es geht um die Verläufe, nicht um den Niveauvergleich.
Zwei getrennte Achsen: links deutsche Tatverdächtige (blau), rechts ukrainische Tatverdächtige (amber). Die absolute Höhe ist sehr unterschiedlich — die Achsen dienen nur der Sichtbarkeit beider Verläufe, nicht dem Niveauvergleich.
Tatverdächtige, keine Verurteilten. Hellfeld der PKS. Deliktgruppen nicht überschneidungsfrei addierbar. Absolute Werte sind zwischen Gruppen nur eingeschränkt vergleichbar, weil Gruppengrößen unterschiedlich sind.
Wirtschaftskriminalität — Index (2023 = 100)
Der Index zeigt Dynamik, nicht Niveau. Kleine Ausgangswerte können hohe Prozentanstiege erzeugen.
Tatverdächtige, keine Verurteilten. Hellfeld der PKS. Deliktgruppen nicht überschneidungsfrei addierbar. Index 2023 = 100 zeigt Entwicklung, nicht absolute Größe.
Wenn Wirtschaftskriminalität als blinder Fleck der PKS-Debatte genannt wird, muss auch diese Deliktgruppe konkret ausgewertet werden. Der Blick auf Wirtschaftskriminalität darf nicht nur als rhetorisches Gegenargument genutzt werden. Wenn Daten vorhanden sind, müssen auch hier Staatsangehörigkeit, Zeitraum und Entwicklung transparent betrachtet werden. Wichtig zur Einordnung: Die absoluten Fallzahlen sind hier klein — der Index zeigt die Dynamik, nicht das Niveau.
Veränderung 2023 → 2025 im Vergleich
Der richtige Hinweis wird nicht zu Ende analysiert
Der taz-Beitrag benennt reale Grenzen der PKS: Hellfeld, Anzeigeverhalten, Kontrollintensität, Dunkelfeld und nicht vollständig sichtbare Deliktbereiche. Diese Hinweise sind berechtigt. Problematisch ist jedoch, dass der Beitrag die sichtbaren Daten nicht deliktgenau weiter auswertet. Der Hinweis auf das Unsichtbare darf nicht dazu führen, das Sichtbare zu überspringen.
Der Beitrag fordert Kontext, liefert aber selbst nur begrenzt Tiefenanalyse.
Das ist kein Vorwurf, dass der Artikel komplett falsch ist. Der Kritikpunkt lautet: Der Artikel nutzt berechtigte Statistik-Kritik, um den Blick zu verschieben, ohne die sichtbaren Daten ausreichend strukturiert auszuwerten.
„Wer Statistik-Kritik ernst meint, muss tiefer auswerten — nicht nur relativieren."
Fragmentiertes Framing statt vollständiger Analyse
Die PKS darf nicht naiv gelesen werden. Sie zeigt nicht alles und ist durch Anzeigeverhalten, Kontrollintensität und statistische Kategorien geprägt. Aber das macht ihre sichtbaren Befunde nicht wertlos. Eine faire Analyse muss beides leisten: Grenzen benennen und sichtbare Entwicklungen ernst nehmen.
Die taz hat mit dem Dunkelfeld-Hinweis einen berechtigten Punkt. Aber dieser Punkt ersetzt keine deliktgenaue Auswertung der sichtbaren PKS-Daten. Das Unsichtbare erklärt das Sichtbare nicht weg.