Asyl in Zahlen: Was PRO ASYL beschreibt — und was die amtlichen Daten zeigen
PRO ASYL benennt reale Belastungen des Asylsystems. Prüft man die verbreitete Debatte an den amtlichen Zahlen, zeigt sich vor allem ein Denkfehler: Zugang, Bestand und Wirkung werden vermischt. Die Erstanträge sind seit dem Höchststand 2023 (329.120) bis 2025 auf 113.236 gefallen — der Bestand der hier lebenden Schutzsuchenden stieg zugleich bis Ende 2024 auf 3,30 Mio., weil das zwei völlig verschiedene Größen sind. Und das System entscheidet keineswegs pauschal: Die bereinigte Schutzquote reicht 2024 von über 99 Prozent (Syrien) bis unter ein Prozent (Georgien, Kolumbien).
Zugang sinkt, Bestand steigt — zwei verschiedene Größen
Bewusst zwei getrennte Diagramme mit gemeinsamer Jahresachse — oben der jährliche Zufluss (Erstanträge), unten der Bestand (hier lebende Schutzsuchende). Ein Jahreszufluss und ein aufgestauter Registerstand sind verschiedene Messgrößen und dürfen nicht gegeneinander gerechnet werden. Für genaue Zahlen über die Balken fahren oder tippen.
Zugang · Erstanträge pro Jahr (BAMF)
Bestand · im AZR erfasste Schutzsuchende, Jahresende (Destatis)
Für 2025 liegt noch kein Bestandswert vor (daher kein Balken). Werte in Millionen.
Bereinigte Schutzquote nach Herkunft (2024)
Positive Entscheidungen bezogen nur auf die inhaltlich entschiedenen Fälle (ohne formelle Erledigungen). Gestrichelte Linie = Gesamtdurchschnitt 59,3 %. CoreNoda-Berechnung aus BAMF-Zahlen, keine offizielle Kennzahl. Für absolute Zahlen über die Balken fahren oder tippen.
Offene Verfahren — der Rückstau wird abgebaut
Anhängige (noch nicht entschiedene) Erstverfahren zum Jahresende. Nach dem Höchststand 2023 deutlich rückläufig. Ein Belastungsindikator, kein direktes Maß für die Verfahrensdauer. Für genaue Zahlen über die Balken fahren oder tippen.
Einordnung
Zuerst der faire Ausgangspunkt: PRO ASYL beschreibt reale Probleme – lange Verfahren, harte Lebensbedingungen, rechtliche Grauzonen. Das ist eine legitime Perspektive der Betroffenen. Diese Analyse widerlegt die Organisation nicht, sondern prüft, welche der in der Debatte kursierenden Aussagen sich mit amtlichen Zahlen quantifizieren lassen – und wo Bewertung, Wirkung und Größenordnung auseinanderfallen.
Die zentrale Schwachstelle fast aller Asyl-Debatten ist eine Vermischung: Zugang, Bestand und Wirkung werden durcheinandergeworfen. Der *Zugang* ist der jährliche Zufluss neuer Anträge (ein Fluss). Der *Bestand* ist die Zahl der zu einem Stichtag hier lebenden Schutzsuchenden (ein aufgestauter Registerstand). Die *Wirkung* ist, was im Verfahren tatsächlich entschieden wird. Wer diese drei Größen nicht trennt, kommt zwangsläufig zu schiefen Schlüssen.
Beim Zugang zeigen die BAMF-Zahlen einen klaren Rückgang: Die Erstanträge stiegen bis 2023 auf 329.120 und fielen dann auf 229.751 (2024) und 113.236 (2025) – ein Minus von rund 66 % gegenüber dem Höchststand. „Die Zahlen explodieren" trifft für den aktuellen Zufluss also nicht zu; er sinkt deutlich.
Beim Bestand ist das Bild ein anderes – und genau das wird oft als Widerspruch missverstanden: Die Zahl der im Ausländerzentralregister erfassten Schutzsuchenden ist von 1,86 Mio. (2020) bis Ende 2024 auf 3,30 Mio. gestiegen (ein Bestandswert für 2025 liegt noch nicht vor). Das ist kein Widerspruch zum sinkenden Zugang: Ein Bestand baut sich aus vielen Jahren auf und sinkt nur langsam. Der große Sprung 2022 (auf 3,08 Mio.) geht zudem fast vollständig auf die Ukraine zurück – Kriegsflüchtlinge erhalten vorübergehenden Schutz nach § 24 AufenthG und stellen in der Regel gar keinen Asylantrag. Fluss und Bestand messen also verschiedene Dinge und dürfen nicht gegeneinander gerechnet werden.
Bei der Wirkung – also den Entscheidungen – ist der wichtigste Befund: Das System entscheidet nicht pauschal, sondern sehr stark nach Herkunft. Sinnvoll vergleichbar ist die *bereinigte* Schutzquote (positive Entscheidungen bezogen nur auf die inhaltlich entschiedenen Fälle, also ohne formelle Erledigungen wie Dublin-Übergaben). 2024 lag sie bei Syrien bei nahezu 100 %, bei Afghanistan bei 93 % und Somalia bei 90 % – dort wird also fast jede inhaltliche Entscheidung positiv beschieden. Am anderen Ende steht die Türkei mit 12,5 %, Georgien mit 0,4 % und Kolumbien mit 0,3 %: dort wird fast alles abgelehnt. Über alle Länder gemittelt betrug die bereinigte Quote 59,3 % (die *Gesamt*-Schutzquote inklusive formeller Erledigungen: 44,4 %).
Wichtig zur Einordnung dieser Quote: Sie ist eine CoreNoda-Berechnung aus den BAMF-Rohzahlen, keine offizielle BAMF-Kennzahl. Die hohen Werte für einzelne Länder bedeuten nicht, dass „alle bleiben" – sie beziehen sich nur auf die inhaltlich entschiedenen Fälle eines Jahres, nicht auf spätere Klagen, Widerrufe oder die tatsächliche Aufenthaltsdauer.
Zum oft beklagten Rückstau: Die Zahl der anhängigen (offenen) Erstverfahren ist von 228.960 Ende 2023 auf 89.396 Ende 2025 gesunken. Der Verfahrensberg, der sich 2022/2023 aufgetürmt hatte, wurde also spürbar abgebaut. Was die Statistik nicht hergibt, ist die durchschnittliche Verfahrensdauer pro Fall – die anhängigen Verfahren sind nur ein Belastungsindikator, kein direktes Maß für Wartezeit.
Fazit: PRO ASYL beschreibt die Belastungen des Systems aus Sicht der Betroffenen; die amtlichen Zahlen von BAMF und Destatis zeigen, wie groß diese Gruppen wirklich sind, wie sich Verfahren entwickeln und wo sich politische Bewertungen nicht ohne Weiteres in Zahlen fassen lassen. Der sinkende Zugang, der weiter wachsende Bestand und die stark nach Herkunft gespreizten Schutzquoten widersprechen sowohl dem Bild „alle kommen und bleiben" als auch dem Bild „niemand bekommt Schutz".
Wo die amtliche Datenlage endet
Einige zentrale Fragen aus der Debatte lassen sich mit dem vorhandenen amtlichen Datenbestand nicht sauber quantifizieren. Wir benennen das offen, statt Lücken mit Schätzungen zu füllen.
Bleiben trotz Ablehnung
Wie viele abgelehnte Personen tatsächlich ausreisen, geduldet werden oder ausreisepflichtig bleiben, lässt sich aus BAMF-Entscheidungen nicht ableiten. Diese Angaben liegen im Ausländerzentralregister und in Länder-Meldungen, nicht getrennt öffentlich in einer vergleichbaren Zeitreihe.
Bräuchte: Ausländerzentralregister (AZR) / Länderabfragen zu Duldung, Ausreisepflicht, Abschiebungen
Unterbringung nach Region
Wie sich Aufnahme und Kapazitäten auf Länder und Kommunen verteilen und wo Engpässe bestehen, ist bundesweit nicht in einer einheitlichen, offenen Statistik erfasst.
Bräuchte: Kommunale/länderspezifische Kapazitäts- und Belegungsdaten
Leistungen und medizinische Versorgung
Aussagen zur Genehmigungspraxis von Leistungen oder zur medizinischen Versorgung lassen sich mit dem vorhandenen Datenbestand nicht quantifizieren – hier fehlt eine bundesweite, sauber getrennte Datengrundlage.
Bräuchte: AsylbLG-Leistungsstatistik / Gesundheitsdaten (nicht öffentlich getrennt verfügbar)