Datenanalyse · Preise, Löhne & Lebenshaltung

Löhne, Grundkosten, verfügbares Einkommen: Wer hat seit 2019 an Kaufkraft verloren?

Seit 2019 sind vor allem Lebensmittel (rund +39 %) und Haushaltsenergie (rund +46 %) weit stärker gestiegen als die allgemeine Inflation (rund +22 %). Und die Ausgabenstruktur ist sozial ungleich: Niedrige Einkommensgruppen geben laut Einkommens- und Verbrauchsstichprobe einen deutlich größeren Anteil ihrer Konsumausgaben für Nahrung und Wohnen/Energie aus als hohe — 2023 rund 64 % gegenüber rund 47 %. Weil niedrige Einkommensgruppen einen größeren Anteil ihrer Konsumausgaben für Nahrung und Wohnen/Energie aufbringen, wirken Preissteigerungen in diesen Bereichen bei ihnen tendenziell stärker."

Ob das Leben teurer geworden ist, entscheidet sich nicht am allgemeinen Preisindex, sondern an den Ausgaben, die niemand vermeiden kann: Wohnen, Energie, Lebensmittel. Diese Analyse legt zwei amtliche Datenwelten nebeneinander: die Preisentwicklung 2019–2025 (Verbraucherpreise/COICOP) und die Verteilungsstruktur nach Einkommensgruppen aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS 2018 und 2023). Beide Ebenen bleiben getrennt — es wird keine künstliche Jahresreihe dazwischen konstruiert.

Nominal sind die Löhne gestiegen. Ob real etwas übrig bleibt, hängt davon ab, wie viel Anteil des Budgets auf Essen und Wohnen/Energie entfällt — und der ist bei niedrigen Einkommen am größten.

Auf einen Blick

Die zentralen Kennzahlen

Verbraucherpreise gesamt
+22.5 %

Anstieg des Verbraucherpreisindex 2019 → 2025 (Basis 2020=100).

Nahrungsmittel
+39.1 %

Preisanstieg Nahrungsmittel & alkoholfreie Getränke 2019 → 2025 — deutlich über der allgemeinen Teuerung.

Haushaltsenergie
+46 %

Strom, Gas und andere Brennstoffe 2019 → 2025. Nach dem Höchststand 2023 wieder etwas gesunken, aber weit über dem Ausgangsniveau.

Reallohn 2022 → 2025
+5.3 %

Veränderung des Reallohnindex (Kaufkraft der Löhne) vom Tiefpunkt 2022 bis 2025 (Basis 2025=100). Ein Vergleich zum Niveau von 2019/2021 ist mit dieser neu basierten Reihe NICHT möglich.

Mindestlohn 2015 → 2026
8,50 → 13,90 €

Gesetzlicher Mindestlohn je Stunde von der Einführung 2015 bis zur beschlossenen Stufe 2026.

Block 1

Lohnentwicklung: nominal vs. real

Der Nominallohnindex zeigt die Bruttoverdienste, der Reallohnindex rechnet die Preissteigerung heraus — er ist das eigentliche Kaufkraft-Maß. 2022 fielen die Reallöhne trotz steigender Nominallöhne, weil die Inflation schneller war. Danach stiegen sie wieder — von 2022 bis 2025 um rund 5 %. Wichtig für die Einordnung: Die amtliche Reihe ist auf das neue Basisjahr 2025=100 umgestellt und reicht als sauberer Jahresdurchschnitt erst bis 2022 zurück. Sie belegt damit die Erholung seit 2022, aber NICHT, ob die Kaufkraft der Löhne das Niveau von 2019 oder 2021 wieder erreicht hat — dafür fehlt die verknüpfte Langreihe.

Nominal- und Reallohnindex

Basis 2025=100. Der Reallohnindex berücksichtigt die Preisentwicklung. Die unterschiedliche Entwicklung von Nominal- und Reallohnindex zeigt, wie stark steigende Verbraucherpreise die nominale Lohnentwicklung beeinflusst haben.

JahrNominallohnReallohn
202285,995,0
202391,195,1
202496,198,1
2025100,0100,0

Destatis GENESIS 62361-0001 · Basis 2025=100 · abgerufen 2026-07-14

Block 2

Grundkosten: Lebensmittel und Energie

Zwischen 2019 und 2025 sind die Verbraucherpreise insgesamt spürbar gestiegen — die Grundbedarfe aber stärker: Nahrungsmittel und Haushaltsenergie liegen deutlich über der Gesamtteuerung. Energie schoss 2022/2023 nach oben und gab danach wieder etwas nach, bleibt aber weit über dem Niveau von 2019. Der gesamte Bereich „Wohnung, Wasser, Strom, Gas" stieg dagegen nur um rund 18 % — der Ausschlag kommt also aus der Energiekomponente, nicht aus der Kaltmiete. Wichtig: Diese COICOP-Reihe trennt Neuvertrags- und Bestandsmieten nicht und weist die reine Nettokaltmiete nicht separat aus. Grundbedarfe wie Essen und Energie wiegen in kleinen Haushaltsbudgets am schwersten.

Preise im Vergleich (2019 = 100)

Alle Reihen auf 2019 normiert, damit die unterschiedliche Dynamik trotz Basisjahr 2020=100 vergleichbar wird. Werte über 100 = teurer als 2019.

JahrVPI gesamtNahrungsmittelWohnen+EnergieHaushaltsenergie
2019100,0100,0100,0100,0
2020100,5103,1100,9100,4
2021103,6104,7101,8100,9
2022110,8110,8111,0135,8
2023117,3133,2116,2156,5
2024119,9134,5117,4149,2
2025122,5139,1118,1146,0
+22,5 %
VPI gesamt 2019→2025
+39,1 %
Nahrung 2019→2025
+18,1 %
Wohnen+Energie 2019→2025
+46,0 %
Energie 2019→2025

Destatis GENESIS 61111-0004 (COICOP CC13-01/-04/-045) + 61111-0001 · abgerufen 2026-07-14

Block 3

Mindestlohn als unterer Anker

Für den unteren Einkommensbereich ist der gesetzliche Mindestlohn die zentrale Stellgröße. Von 8,50 € bei der Einführung 2015 stieg er in mehreren Stufen — mit einem politischen Sprung auf 12,00 € im Oktober 2022 — auf 12,82 € (2025); für 2026 sind 13,90 € beschlossen. Ob das die Grundkosten-Teuerung ausgleicht, ist die eigentliche Frage.

Gesetzlicher Mindestlohn je Stunde

Gesetzlich festgelegte Stufen (keine GENESIS-Reihe) — Zusatzkontext zum unteren Einkommensbereich.

JahrMindestlohn (€)
2015-018,50 €
2017-018,84 €
2019-019,19 €
2020-019,35 €
2021-019,50 €
2021-079,60 €
2022-019,82 €
2022-0710,45 €
2022-1012,00 €
2024-0112,41 €
2025-0112,82 €
2026-0113,90 €

Mindestlohnkommission / BMAS (MiLoG)

Block 4

Verteilung: Wen die Grundkosten am härtesten treffen

Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) zeigt, wie sich die Konsumausgaben auf Einkommensklassen verteilen. Das Muster ist eindeutig: Je niedriger das Einkommen, desto größer der Anteil, der für Nahrung und Wohnen/Energie draufgeht. 2023 lag der Grundkostenanteil in der untersten Klasse (unter 1.300 €) bei rund 64 %, in der obersten (5.000 € und mehr) bei rund 47 %. Damit bleibt unten deutlich weniger Spielraum für alles andere — und derselbe Preisschub auf Essen und Energie wirkt sozial sehr unterschiedlich. Zwischen 2018 und 2023 ist der Grundkostenanteil in fast allen Klassen gestiegen, am spürbarsten unten. Wichtig: EVS liefert nur die Messjahre 2018 und 2023 — die Werte dazwischen werden NICHT interpoliert, und der „verbleibende Konsumbetrag" ist kein vollständiges verfügbares Resteinkommen (er ist private Konsumausgaben minus Nahrung minus Wohnen/Energie).

Was zählt hier als Grundkosten? Als Grundkosten werden hier ausschließlich Nahrung sowie Wohnen, Energie und Wohnungsinstandhaltung zusammengefasst. Weitere notwendige Ausgaben wie Verkehr, Versicherungen, Gesundheit oder Kommunikation sind darin nicht enthalten. Die Analyse berechnet keine eigene Inflationsrate je Einkommensgruppe — sie zeigt, wie unterschiedlich stark Nahrung und Wohnen/Energie die Konsumbudgets verschiedener Einkommensgruppen binden.
Grundkostenanteil 2023: niedrig vs. hoch
64.3 % vs. 47.4 %

Anteil von Nahrung + Wohnen/Energie an den privaten Konsumausgaben: unterste Einkommensklasse (< 1.300 €) gegenüber oberster (5.000 € +). Niedrige Einkommen binden einen weit größeren Teil ihres Budgets in Grundkosten.

Δ Grundkostenanteil unterste Klasse 2018 → 2023
+2.4 Pp

Veränderung des Grundkostenanteils der untersten Einkommensklasse in Prozentpunkten zwischen den beiden EVS-Messjahren.

Verbleibender Konsumbetrag < 1.300 € (2023)
431 € / Monat

Private Konsumausgaben minus Nahrung minus Wohnen/Energie. KEIN vollständig verfügbares Resteinkommen — nur der nach diesen Grundkosten verbleibende Konsumbetrag.

Grundkostenanteil nach Einkommensklasse

Anteil von Nahrung + Wohnen/Energie an den privaten Konsumausgaben. Je niedriger das Einkommen, desto größer der Anteil, der für Grundbedarfe draufgeht — 2018 und 2023 im direkten Vergleich.

Destatis EVS 2018/2023 · Supabase evs_konsumausgaben_nach_einkommen · Werte in % der privaten Konsumausgaben

Verbleibende Konsumausgaben nach Nahrung und Wohnen/Energie

Monatliche Konsumausgaben je Einkommensklasse, aufgeteilt in Nahrung, Wohnen/Energie und den verbleibenden Konsumbetrag. Letzterer ist kein vollständig verfügbares Resteinkommen, sondern nur: Konsumausgaben − Nahrung − Wohnen/Energie.

Destatis EVS 2018/2023 · Supabase evs_konsumausgaben_nach_einkommen · Werte in € pro Monat · Jahr: 2023

Veränderung des Grundkostenanteils 2018 → 2023

Differenz des Grundkostenanteils zwischen den beiden EVS-Messjahren in Prozentpunkten. Positiv = Grundbedarfe binden 2023 einen größeren Budgetanteil als 2018. Zwischen den Jahren wird nicht interpoliert; aus zwei Messpunkten folgt keine Kausalität. Die Einkommensklassen sind nominal abgegrenzt — Veränderungen können neben Preissteigerungen auch durch eine veränderte Zusammensetzung der Haushalte innerhalb der Klassen beeinflusst sein.

Farblogik: rot = Grundkostenanteil gestiegen (weniger Spielraum), grün = gesunken. Absolute Veränderungen der Ausgaben für Nahrung und Wohnen/Energie je Klasse stehen im Kopier-JSON (Δ Nahrung / Δ Wohnen/Energie).

Destatis EVS 2018/2023 · Supabase evs_konsumausgaben_nach_einkommen · Δ in Prozentpunkten (Grundkostenanteil)

Einordnung

Was die Daten zeigen — und was nicht

Zwei Befunde stehen fest. Erstens: Die Preise für Grundbedarfe — Essen und Energie — sind seit 2019 überdurchschnittlich gestiegen, während die Reallöhne 2022 einbrachen und sich bis 2025 wieder erholten (rund +5 %; ob das Vorkrisenniveau erreicht ist, lässt die auf 2025=100 neu basierte Reihe offen). Zweitens: Die EVS 2018/2023 zeigt, dass niedrige Einkommensgruppen einen deutlich höheren Anteil ihrer Konsumausgaben für Nahrung und Wohnen/Energie aufwenden — 2023 rund 64 % gegenüber rund 47 % oben. Beides zusammen erklärt, warum derselbe Preisschub sozial ungleich wirkt.

Grenzen bleiben: Preisreihe (2019–2025) und EVS-Verteilung (2018/2023) sind zwei getrennte Datenwelten — keine durchgehende Jahresreihe, keine gruppenspezifische Inflation, kein vollständig verfügbares Resteinkommen und keine reine Mietbelastung (Wohnen und Energie sind gemeinsam ausgewiesen). Aus zwei Messjahren lässt sich zudem keine Kausalität ableiten. Der Entwurf legt beide geprüften Datenbasen offen und markiert genau diese Lücken.

Datengrenzen — was diese Analyse (noch) nicht zeigt
  • Reallohn-Niveau im Vergleich zu 2019/2021: Der amtliche Reallohnindex wurde auf 2025=100 neu basiert; saubere Jahresdurchschnitte liegen erst ab 2022 vor. Die Reihe belegt die Erholung von 2022 bis 2025 (rund +5 %), zeigt aber NICHT, ob die Kaufkraft der Löhne das Niveau von 2019 oder 2021 wieder erreicht hat. Ein Indexstand von 100 im Basisjahr 2025 ist kein Beleg für ein 'Aufholen' des Vorkrisenniveaus. Nötige Quelle: Verknüpfte Reallohn-Langreihe (Destatis-Rückrechnung) oder VPI-Deflationierung einer langen Nominallohnreihe
  • Einkommensgruppen-spezifische Löhne: Tabelle 62361 liefert den Lohnindex nur gesamt bzw. nach Wirtschaftszweigen/Leistungsgruppen (62361-0002), NICHT nach Einkommensdezilen/-gruppen. Eine Lohnentwicklung 'nach Einkommensgruppen' ist aus dieser Quelle nicht ableitbar. Nötige Quelle: Verdienststrukturerhebung / SOEP / Mikrozensus
  • Wohnkostenquote nach Einkommensgruppen: In GENESIS nicht als fertige, laufende Tabelle vorhanden. Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) liefert Gruppendetails nur alle fünf Jahre (zuletzt 2018 und 2023). Nötige Quelle: EVS 2018/2023 (Sonderauswertung), EU-SILC
  • Neuvertragsmieten getrennt von Bestandsmieten, nach Städten/Kreisen: Führt das Statistische Bundesamt nicht. Regionale Neuvertrags-/Bestandsmieten stammen aus privaten bzw. regionalen Quellen. Nötige Quelle: F+B, empirica, GdW, örtliche Gutachterausschüsse / Mietspiegel
  • Einkommensgruppen-spezifische Inflation: Es gibt keine fertige GENESIS-Tabelle. Sie müsste aus den COICOP-Preisen (61111-0004) und gruppenspezifischen Konsumgewichten der EVS selbst berechnet werden. Nötige Quelle: COICOP-Preise x EVS-Konsumgewichte je Einkommensgruppe (eigene Berechnung)
  • Verfügbares Resteinkommen (Einkommen minus Wohnen/Energie/Lebensmittel), preisbereinigt, nach Gruppen: Kein einzelner Datensatz; ein abgeleitetes Konstrukt. Für Einkommensgruppen sauber nur für EVS-Jahre 2018 und 2023 möglich; 2019/2021 fehlen als Gruppendetail. Nötige Quelle: EVS 2018/2023 (Einnahmen/Ausgaben nach Einkommensklassen) + Preisbereinigung
Quellen
  • Nominal- und Reallohnindex: Statistisches Bundesamt (Destatis), GENESIS-Online, Tabelle 62361-0001 (Basis 2025=100)
  • Verbraucherpreisindex insgesamt: Statistisches Bundesamt (Destatis), GENESIS-Online, Tabelle 61111-0001 (Basis 2020=100)
  • Verbraucherpreise nach Verwendungszwecken (Nahrung, Wohnen, Energie): Statistisches Bundesamt (Destatis), GENESIS-Online, Tabelle 61111-0004, COICOP CC13-01 / CC13-04 / CC13-045
  • Gesetzlicher Mindestlohn: Mindestlohnkommission / Bundesministerium für Arbeit und Soziales (MiLoG)
Methodik & Transparenz

Diese Analyse verbindet zwei getrennte amtliche Datenwelten: die bundesweite Preis- und Lohnentwicklung 2019–2025 und die Ausgabenstruktur nach Einkommensklassen aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS). Beide Ebenen werden bewusst nicht zu einer durchgehenden Jahresreihe verrechnet — die EVS liefert nur die Messjahre 2018 und 2023, und zwischen diesen Punkten wird nicht interpoliert.

Alle Preis- und Lohnzahlen wurden live aus GENESIS-Online (Statistisches Bundesamt) gezogen und gegen die API-Antwort geprüft. Jahreswerte sind Jahresdurchschnitte; das unvollständige Jahr 2026 ist in den Jahresreihen nicht als Jahreswert geführt. Wegen unterschiedlicher Basisjahre (Verbraucherpreise 2020=100, Lohnindex 2025=100) werden die Preisreihen für den Vergleich auf ein gemeinsames Basisjahr (2019=100) normiert. Der Reallohnindex ist auf 2025=100 neu basiert und reicht sauber nur bis 2022 zurück: Er belegt die Erholung seit 2022 (rund +5 %), aber nicht, ob das Kaufkraftniveau von 2019/2021 wieder erreicht ist.

Die EVS zeigt keine individuell gemessene Inflation, sondern die unterschiedliche Struktur der Konsumausgaben. Als „Grundkosten" fassen wir ausschließlich Nahrung sowie Wohnen, Energie und Wohnungsinstandhaltung zusammen; Wohnen und Energie sind dabei nicht getrennt ausgewiesen, eine reine Mietbelastung ist daraus nicht ableitbar. Der „verbleibende Konsumbetrag" ist kein vollständig verfügbares Resteinkommen, sondern die privaten Konsumausgaben abzüglich Nahrung und Wohnen/Energie. Die Einkommensklassen sind nominal abgegrenzt; Veränderungen zwischen den Messjahren können daher auch durch eine veränderte Zusammensetzung der Haushalte beeinflusst sein. Aus zwei Messpunkten folgt keine Kausalität.

CoreNoda arbeitet ausschließlich mit amtlichen und öffentlich nachvollziehbaren Quellen und weist die Grenzen der Daten offen aus. Details zu Vorgehen und Quellen: siehe Methodik & Transparenz.

kaufkraft-grundkosten-einkommen · Stand: 15. Juli 2026